Montgomery-Johnson Quintet – Live at the Turf Club

Wes-Experte Oliver Dunskus hat sich die neu veröffentlichten Aufnahmen aus den 1950er Jahren genau angehört. Hier Teil 2 seiner Eindrücke:

 

Gleichzeitig mit der vorangegangenen Platte erschien beim selben Label Resonance Records eine weitere limitierte LP, ebenfalls im Zehn-Zoll Format, und mit ebenso viel Liebe fürs Detail produziert, doch inhaltlich ganz anders: Philip Kahl, ein Student und Freund der Familie Montgomery hatte einige Auftritte im Turf Club mit einem Tonbandgerät mitgeschnitten. Die Bänder befanden sich him Besitz von Ann Montgomery, der Witwe Buddy Montgomerys, die Resonance Records nach dessen Tod gestattete, das Material zu sichten und zu veröffentlichen.

Waren die Studioaufnahmen von 1955 noch etwas verhalten gewesen, so erlebt man hier einen entspannten Wes beim Heimspiel. Es sind die frühesten Liveaufnahmen des Gitarristen (wenn man die Aufnahmen mit Lionel Hampton von 1949 außer acht lässt, auf denen er kaum zu hören war) und wir tauchen in die dichte Clubathmosphäre des Turf-Clubs ein. Wes spielt hier weiterhin im Montgomery-Johnson Quintet in unveränderter Besetzung. Die Aufnahmen sind verhältnismässig gut, und das kritische Ohr wird schnell vom musikalischen Inhalt abgelenkt.

Wes’ Tune ist hier zum ersten Mal zu hören, noch mit Intro und das Thema noch zweistimmig, während es zwei Jahre danach für Pacific unisono eingespielt wurde. Die Gruppe wirkt routiniert und strotzt vor Spielfreude. Man hört, wie Wes mit seiner markanten Stimme seine Kollegen anfeuert, wodurch das Stück auch an Tempo zunimmt. Das war aber auch schon die einzige Eigenkomposition, der Rest des Albums besteht aus Standards: Gershwins Fascinating Rhythm, das ebenfalls mit ausgedehnten Soli aufwartet, und Henri Mancinis Six Bridges to Cross, eine Ballade, bei der Wes eine frühe Kostprobe seiner Akkordtechnik zum besten gibt. Er klingt gegenüber den Aufnahmen von 1955 deutlich ausgereifter.

Going Down to Big Mary’s fällt aus dem Rahmen – nicht nur weil John Dale Bass spielt, sondern weil wir es mit einer R&B Nummer zu tun haben, bei der Debbie Andrews (bürgerlich Lucy Johnson), die Schwester des Schlagzeugers Sonny Johnson, singt. Debbie Andrews war bereits 1952 von Duke Ellington entdeckt worden und hatte kurz darauf einen Plattenvertrag bei Mercury Records unterschrieben, jedoch hatte sich ihre Solokarriere nicht erfolgreich entwickelt. Wes hatte in den Fünfzigern mehrere Ausflüge in die R&B Gefilde unternommen und klingt auch in diesem Genre ausgesprochen sicher und elegant. Doch die schönsten Stücke des Albums kommen zum Schluss: eine furiose Fassung von Caravan, in der Wes seine Vielseitigkeit und Virtuosität bei hohen Tempi zur Schau stellt, und – als Kontrast – die John Lewis Komposition Django, gefühlvoll, einfach wunderschön dargeboten.

Wes hat einmal über sich selbst gesagt haben, er habe 1955 besser gespielt als später, aber es hätte damals keinen Menschen interessiert. Nun gibt es einen Beleg dafür, und man verdankt ihn Philip Kahl.

Autor: Oliver Dunskus

Live at The Turf Club (1956)

Live at The Turf Club (1956)

Wes Montgomery & The Montgomery-Johnson Quintet Live at the Turf Club (1956)

Wes’s Tune
Fascinating Rhythm
Six Bridges to Cross
Going Down to Big Mary’s
Caravan
Django

Aufgenommen im August und November 1956
Erschienen: 2014
Originallabel: Resonance HLT-8015
Produzent: Zev Feldman

 

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