One Night in Indy – die Rezension

Mit „One Night in Indy“ legt Resonance Records eine weitere bislang verschollene Aufnahme aus den frühen Jahren Wes Montgomery vor. Was ist darauf zu hören? Wes-Biograph Oliver Dunskus hat die Antwort. Seine Rezension ordnet das Konzert auch in das Wes-Gesamtwerk ein.

wesliveWes Montgomery feat. The Eddie Higgins Trio – One Night in Indy

  1. Give Me The Simple Life 9:14
  2. Prelude to a Kiss 5:52
  3. Stompin’ at the Savoy 7:12
  4. Li’l Darling 8:09
  5. Ruby My Dear 8:35
  6. You’d Be So Nice to Come Home to 2:51

von Oliver Dunskus

Anfang 2014 verschied der Publizist und Fotograf Duncan Schiedt, der mit der Jazz-Szene von Indianapolis eng verbandelt war, und dem wir eine Reihe von Fotos aus der Zeit verdanken, als Wes Montgomery noch – eher unbekannt – in Indianapolis lebte. Kurz vor seinem Tod steuerte Schiedt einige dieser Bilder für das Album Echoes of Indiana Avenue (Resonance HCD-2011) bei. Bei dieser Gelegenheit drückte er dem Label Chef Zev Feldman ein Tonband in die Hand.

Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um eine ungewöhnliche Preziose handelte: Eine Aufnahme von Wes mit dem Eddie Higgins Trio, von der so gut wie niemand wusste. Wes ist in der vertrauten, heimischer Atmosphäre eines Jazz-Clubs zu hören. Keiner Bar, sondern eher einer Art Verein von örtlichen Jazzliebhabern. Begleitet wird er vom Pianisten Eddie Higgins, dem Schlagzeuger Walter Perkins sowie einem Bassisten dessen Identität wohl ein Rätsel bleiben wird. Eddie Higgins sollte, ähnlich wie Buddy Montgomery, in Relation zu seinen vielseitigen Fähigkeiten relativ unbekannt bleiben. Im Jahr zuvor hatte er sein Debutalbum The Ed Higgins Trio (Replica Records 1009) herausgebracht, auf dem ebenfalls Prelude to a Kiss und You’d be so Nice to Come Home to zu hören sind. Stompin’ at the Savoy hatte Wes im selben Jahr bereits mit seinen Brüdern aufgenommen, entsprechend sind Give me the Simple Life, Li’l Darling und die Thelonious-Monk-Komposition Ruby My Dear hier von diesen Interpreten zum ersten Mal zu hören. Auch Walter Perkins stand noch am Anfang seiner Karriere, die er ab 1956 bei Ahmad Jamal begonnen hatte, und die er später noch mit Sonny Stitt, Pat Martino, Roland Kirk und Bobby Timmons fortsetzen würde. Das verlockt zu einer kleinen Liste von Leuten ,die mit Wes arbeiteten, bevor sie weltberühmt wurden, und die ist nicht ohne, denn sie würde Ray Brown, Ron Carter, Quincy Jones, Charlie Mingus, Billie Holiday und Freddie Hubbard enthalten.

Heimspiel in Indianapolis

Diese Aufnahme entstand im Januar 1959, einige Monate vor Wes’ endgültigem Durchbruch. Also vor der ersten Riverside-Platte A Dynamic New Sound /The Wes Montgomery Trio, die bei Erscheinen teilweise für Enttäuschung sorgte, weil sie den Erwartungen nicht gerecht wurde, da Wes auf ihr aufgrund der Umstände nicht sehr entspannt wirkte. Ganz anders ist das bei diesem „Heimspiel“. Wes klingt fröhlich und dominant, wie in Give Me the Simple Life. Sein Sound klingt nach L-5 mit Alnico-Tonabnehmern, also anders als bei späteren Aufnahmen ab 1961, lebendig und ganz leicht verzerrt, was aber gut passt.

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Li’l Darling lehnt sich sehr stark an das Arrangement an, das der Komponist Neal Hefti im Jahr zuvor für das Atomic-Album (Erschienen bei Roulette, auch bekannt als E=MC2) des Count Basie Orchesters geschrieben hatte, einer der wichtigsten Platten dieser Big Band. Wes und Billy Higgins gelingt es hier, wunderbar abgestimmt, die Fülle der Bläsersätze gut zu interpretieren und den Reiz des Stückes, nämlich die teilweise synkopischen Viertelton-Akkorde auszuspielen. Überhaupt finden sich auf dieser Platte – mehr als sonst bei Wes – alte Swing-Standards und Ellingtons Prelude to a Kiss wird ähnlich interpretiert, wobei Wes besonders akkordtechnisch brilliert.

Wes treibt das Trio vor sich her

Stompin’ at the Savoy wird etwas langsamer und weniger boppig gespielt als auf der LP The Wes Montgomery Brothers (Pacific PJ-17), wobei sich Wes aber über drei Chorusse in ein beeindruckendes Einzeltonsolo hineinsteigert und auch beim Comping während des Klaviersolos und des Bassolos einfallsreich und präsent bleibt und das Trio vor sich hertreibt. Dies ist vielleicht das beeindruckendste Stück der Platte, und man bekommt eine gute Vorstellung davon, wie gut Wes auf der Bühne „Gas geben“ konnte, auch wenn er kein Solo hatte.

Beim – sehr langsam gespielten – Ruby My Dear hingegen offenbart sich eine andere von Wes Stärken, die vielleicht nicht oft genug erwähnt wird: Seine harmonische Sicherheit auch in schwierigem Gefilde, die Fähigkeit, ungewöhnliche Akkordwechsel solistisch einzuleiten und zu nutzen. Und man hört ihn mit einigen Sliding-Techniken.

Insgesamt sind diese Aufnahmen vielleicht die interessantesten Fundstücke des Resonance-Labels. Auch wenn sie unter amateurhaften Bedingungen entstanden, in Mono und ohne Mischpult, hören wir einen technisch ausgereiften und dominanten Wes, der nicht nur omnipräsent ist, sondern die Gruppe auch noch während der Stücke durch Gelächter und anfeuernde Rufe zusammenhält und vorantreibt. 56 Jahre wurde sie im Archiv Duncan Schiedts verwahrt. Die Aufnahmen erschienen erst im Dezember 2015, auf einer limitierten 180g Vinyl-LP mit einer Auflage von 1500 Exemplaren, im Vorfeld der Veröffentlichung in digitaler Form. Und wieder wurde das Cover von Burton Yount gestaltet, dem es gelang, ein passendes, zeitgemäßes Design für die Erstveröffentlichung dieser Musik zu gestalten.

Der von Resonance Records vor fast einem Jahr angekündigte Live-Mitschnitt aus dem Jahr 1959 – „One Night in Indy“ – erscheint am 25. Januar 2016 auf CD.

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One Response to One Night in Indy – die Rezension

  1. holger weber 19. Januar 2016 at 20:46 #

    ist ja seit letzter woche erhältlich, sehr schöne aufnahmen, simple life ist mein favorit. kleine korrektur: stück nr. 5 ist ein balladenmedley, higgins spielt rudy my dear, wes spielt danach laura.

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