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Wer hat noch Half-Note-Tapes im Schrank?

Vor einigen Tagen stellte der New Yorker Gitarrist Ed Cherry bei Facebook eine Frage: Wer hat noch eine Aufnahme, auf der Wes Montgomery im Half Note Club das Coltrane-Stück Giant Steps spielt?

Das ist eine Frage mit Sprengkraft, denn wie einige sogleich kommentieren Wes-Koryphäen wissen: Es gibt keine bekannte Aufnahme, auf der Wes mit Giant Steps zu hören ist, weder aus dem Half Note noch aus irgend einem anderen Club.

Nun ist Ed Cherry nicht irgendwer, und wenn er behauptet, er hätte einst ein solches Tape besessen, und Wes hätte darauf ein exzellentes Chordsolo über Giant Steps gespielt, dann hat das viel Glaubwürdigkeit.

Kann es also sein, dass ein solches Tape existiert?

Die Antwort ist wohl: ja, warum nicht. Es zirkuliert längst nicht alles, was zum Beispiel bei Jazzdisco.org mittlerweile an 1965er Sessiondates im Half Note verzeichnet ist. Auf Platte erschienen sind ja nur das Album „Smokin‘ at the Half Note“, das mit Overdubs bearbeitete „Willow Weep for Me“ und das Bootleg-Album „Smokin‘ Guitar“. Darüber hinaus liefen über spezielle Plattformen noch Aufnahmen, die im Vorfeld der Europa-Tour in der Besetzung mit dem Pianisten Harold Mabern gemacht wurden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es darüber hinaus noch weitere Tapes aus dem Half Note gibt, ist sehr hoch. Nur, wer hat sie? Und wann wird Zev Feldman sie veröffentlichen ;-) Ed Cherry hat seine Bänder offensichtlich verloren. Wie schade.

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Ein wenig Wes für den Sommer

Zu den besten Aufnahmen, die Wes Montgomery jemals gemacht hat, gehören die Live-Recordings im Half-Note-Club aus dem Jahr 1965. Es handelt sich um Radio-Sessions, die später teilweise veröffentlicht wurden (u.a. auf Smokin‘ at the Half Note). Eine Reihe von Stücken gibt es allerdings nur als Bootleg, die unter Wes-Fans weitergegeben werden. So auch diese Aufnahme von „Cariba“, eines der bekanntesten (und aufgrund seines einfachen 12-Takt-Akkordschemas oft nachgespielten) Originale von Wes. Ich habe zwei Daten für diese Aufnahme, einmal den 12. Februar und einmal den 24. September 1965. Im ersten Fall hätte Wes mit seinem Mabern-Tour-Trio gespielt, im anderen Fall mit dem Wynton-Kelly-Trio.

Auffällig an dieser Version von Cariba ist bereits der Einstieg. Wes spielt das 12-Takt-Schema nicht aus, geht viel zu früh in den zweiten Durchgang des Themas und man hat den Eindruck, dass er es geradezu vermeidet, das erwartete Blues-Klischee zu bedienen. Im Anschluss an das Thema legt Wes mit einem Singlenote-Solo los, was zunächst gar nicht so wirklich zündet. Erst nach und nach groovt er sich ein, um dann ab etwa 1.50 zum Oktavspiel überzugehen und gleichzeitig die Struktur des Stückes wieder aufzunehmen. Ab etwa 3.00 beginnt er einen völlig anderen Teil, basierend auf seinem Blockakkordspiel. Und ab hier wird es richtig spannend. Für die restlichen knapp 6 Minuten hört Wes gar nicht mehr auf, dem Stück durch sein Akkordspiel und zwischenzeitlich auch wieder Oktavspiel immer wieder neue Richtungen zu geben. Ein großartiges Beispiel für seine Improvisationskraft und Spielfreude.

Viel Spaß beim Anhören.

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