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Die unwahrscheinlichste Karriere im Jazz und ihr abruptes Ende

Am 15. Juni 1968 – vor nun genau 50 Jahren – saß Wes Montgomery in seinem Haus in Indianapolis, als er plötzlich zusammenbrach. Seine Frau Serene versuchte noch Hilfe zu holen, doch es war zu spät. Der Jazzmusiker war tot, gestorben an einem Herzinfarkt im Alter von 45 Jahren.

Wes Montgomery, 06.03.1923 – 15.06.1968 © Foto: Roberto Polillo

Wes Montgomery, 06.03.1923 – 15.06.1968 © Foto: Roberto Polillo

Es war das Ende einer Karriere, die so einzigartig war, dass es sie eigentlich gar nicht hätte geben dürfen. Aufgewachsen in einer musikalischen Familie, begeisterte sich Wes zunächst kaum für ein Instrument. Während seine Brüder bereits Klavier, Bass und Schlagzeug spielten, hatte Wes vermutlich noch andere Dinge im Kopf. (Wes Biograph Oliver Dunskus sagt, die Brüder hätten erst nach Wes mit der Musik angefangen. Okay, ich beuge mich seiner Expertise!) Bis er eines Tages Aufnahmen des Gitarristen Charlie Christian hörte und sofort seinen Industriearbeiterlohn in ein Musikgeschäft trug, um eine elektrische Gitarre und einen Verstärker zu kaufen. Das muss um das Jahr 1942 gewesen sein, als er schon 19 Jahre alt war. Spät, um mit einem Instrument zu beginnen, doch Wes übte so lange, bis er die Soli von Christian nachspielen konnte. Damit ging er in die Clubs und trat auf. 1948 reicht das sogar, um mit Lionel Hampton auf Tour durch die USA zu gehen. Ein Sprungbrett für viele Musiker. Doch der Gitarrist verlässt die Band nach zwei Jahren und geht heim nach Indianapolis – womit die Musikerkarriere von Wes Montgomery eigentlich vorbei war.

Später Erfolg

Erst sehr viel später, im Jahr 1959, passierte dann das Wunder. Der Saxophonist Cannonball Adderley kam nach Indianapolis und ging im Anschluss an seinen eigenen Auftritt noch in einen lokalen Club. Dort hörte er Wes und konnte seinen Ohren nicht trauen. Noch in derselben Nacht soll er seinen Produzenten Orrin Keepnews angerufen haben, um ihm von diesem großartigen Gitarristen in Indianapolis zu berichten. Wenige Wochen später saß Keepnews selbst in dem Club und reichte Wes einen Plattenvertrag.

Die ersten Aufnahmen machten beide im Herbst 1959, doch erst die zweite, 1960 veröffentlichte LP „The Incredible Jazz Guitar of Wes Montgomery“ verschlug den anderen Jazzgitarristen den Atem und ließ Musiker aufhorchen. Quasi über Nacht war der unbekannte, schon 37 Jahre alte Gitarrist ein Star der Jazzszene. 1961 überlegte Jazz-Gott John Coltrane, Wes in seine Gruppe zu holen. Aber die Verbindung, theoretisch eine Hochzeit im Himmel, klappte auf der Bühne wohl nicht. 1962 nahm Wes dann mit der Rhythmusgruppe von Jazz-Obergott Miles Davis das Livealbum „Full House“ auf, das erste Dokument, das seine gesamte Genialität und Einzigartigkeit ausbreitet.

Die Erfindung des Popjazz

Wes ist nun etabliert, spielt mit den großen Namen, doch die nächste Wende kommt schon bald. Seine Plattenfirma macht Konkurs, aber mit Verve klopft ein Major-Label an. Und dies hat besondere Pläne. Während die Beatles die gesamte Musikszene der USA in einem Erdbeben durcheinanderrütteln und dabei auch den Jazz quasi über Nacht zur Altherrenmusik degradieren, wird Wes für das weiße Massenpublikum kompatibel gemacht. Mit immer neuen Popjazz-Alben wird Wes zum Objekt des Produzenten Creed Taylor. Dabei entstehen Meilensteine wie das Album Tequila, arrangiert von Produzent Claus Ogerman, aber auch seichtester Kitsch. Von jetzt an kann Wes seine Familie gut ernähren und Cadillac fahren.

Doch sein strapaziertes Herz gehört immer noch dem klassischen Jazz. Auf Tour wird er weiterhin nur von einem Quartett begleitet, und die Liveaufnahmen des Jahres 1965 mit den Pianisten Wynton Kelly und Harold Mabern sind das musikalische Gipfelkreuz seines gesamten Schaffens. Gleichzeitig ist er ein Star, geschätzt vom breiten Publikum wie von der Musikszene. Die Beatles lassen sich durch seine Version von „A Day in the Life“ zum Arrangement von „Let it Be“ inspirieren.

Auf dem Weg zu einem neuen Stil

Mit dem Wechsel zum Label A&M im Jahr 1967 werden die Platten des Gitarristen noch einmal kommerzieller und flacher. Gleichzeitig spielt er mit seinen Brüdern als die „Montgomery Brothers“ auf Festivals und zeigt sich technisch und musikalisch bereit, an einem neueren, aktuelleren Gruppensound zu arbeiten, der die klassischen Jazzelemente und die neueren Einflüsse der Musik um ihn herum verschmilzt. Doch dazu soll es nicht mehr kommen. Der plötzliche Tod des Kettenrauchers und Workaholic Wes Montgomery sorgt für ein jähes Ende.

Die Frage, was Wes Montgomery noch alles hätte leisten können, ist eine schöne Spekulation. Gitarristen wie George Benson, Pat Martino oder Grant Green, die mit Wes eng verbunden waren, haben mit ihrer eigenen Entwicklung einige Hinweise darauf gegeben, was noch alles hätte sein können. So aber werden die wenigen Jahre, die Wes im Jazzolymp gegeben waren, als ein kompaktes Zeugnis einer Zeit in Erinnerung bleiben, die durch eine wahnsinnig schnelle Entwicklung der Stile und einen grundlegenden Wandel der Musikwelt gekennzeichnet ist. Wir sehen im Rückblick, wie Wes die Blütezeit des klassischen Jazz mit vollendete, und gleichzeitig bei der Geburt von Pop, Soul und Funk dabei war. Eine spannende Ära, ein stilprägender Gitarrist und Wegbereiter, ein Herzensmensch und -musiker, ein viel zu kurzes Leben.

 


Update: Ich einer früheren Version des Textes hatte ich geschrieben, die Beatles hätten Wes erlaubt, „Let it be“ früher zu veröffentlichen als sie selbst. Das stimmt so nicht, das hatte ich falsch abgespeichert. Aber Wes‘ Version von „A Day in the Life“ hatte die Beatles begeistert und zum Arrangement von „Let it Be“ inspiriert. Es war dann Hubert Laws, der den gleichen Produzenten wie Wes hatte, der den Song noch vor den Beatles veröffentlichen konnte.

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NDR-Info mit Wes-Feature zum Todestag

Am Samstag, 16. Juni, 20:15 Uhr, sendet der Radiosender NDR Info ein 45-minütiges Special mit Ausschnitten aus einem Konzert, das der NDR am 30. April 1965 mit Wes Montgomery und anderen Musikern wie Johnny Griffin oder Martial Solal aufgenommen hat. Anlass ist der 50. Todestag von Wes. Durch die Sendung führt die Autorin und Moderatorin Marianne Therstappen, die auch schon in der Vergangenheit NDR-Sendungen über Wes Montgomery gemacht hat.

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Wie Wes Montgomery zum Star wurde

Wes Montgomery: The Incredible Jazz Guitar of Wes Montgomery

Wes Montgomery: The Incredible Jazz Guitar of Wes Montgomery

„Ich hörte Musik, wie ich sie noch nie gehört hatte.“ Der Satz von George Benson über seine erste Begegnung mit Wes Montgomery geht unter die Haut. Zu hören ist er in einem kleinen, schönen Radiostück über Wes‘ zweites Album, das ihn über Nacht zum Star machte: „The Incredible Jazz Guitar of Wes Montgomery“. Um die Geschichte dieses Albums zu erzählen – und den Einfluss, den Montgomery hatte – kommen neben Jazzgitarrist George Benson auch Pat Martino und New York Times-Autor Peter Keepnews, dessen Vater, Orrin Keepnews, Mitbegründer von Riverside Records war, wo Wes viele Jahre unter Vertrag war, zu Wort.

Hier geht es zum Radiobeitrag.

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Facebook-Gruppe hebt ab

Bereits vor einiger Zeit hat Wes-Biograph Oliver Dunskus auf Facebook eine Gruppe zu Wes Montgomery gegründet. Die Gruppe „Wes Montgomery Research“ ist mittlerweile auf 400 Mitglieder angewachsen, darunter einige international bekannte Jazz-Gitarristen. Ziel ist es, große und kleine Info-Schnipsel, unbekannte Fotos oder persönliche Erinnerungen über den Gitarristen zusammenzutragen. Jetzt hat sich erstmals ein Mitglied der Montgomery-Familie angemeldet: Wes‘ Sohn Robert Anthony Montgomery! Wer sich also ein wenig für die Geschichte und die Biographie von Wes interessiert, ist in der Gruppe herzlich willkommen.

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Sänger Jon Hendricks gestorben

Der einflussreiche Jazzsänger Jon Hendricks ist am 22. November im Alter von 96 Jahren gestorben. Große Bekanntheit erzielte er als Mitglied von Lambert, Hendricks & Ross, einem Vocaltrio, das vor allem Ende der 1950er Jahre populär war. 1959 nahm Jon Hendricks das Album „A Good Git-Together“ auf, zusammen mit Wes und Monk Montgomery, Nat und Cannonball Adderley, Pony Poindexter und anderen. Das Album wird teilweise auch unter „The Wes Montgomery All Stars“ geführt.

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Erstmals legal: das Paris-Konzert von 1965

Schon wieder eine Ankündigung von Resonance Records. Produzent Zev Feldman hatte schon vor einiger Zeit verraten, aber jetzt ist es auch offiziell: Resonance wird das Paris-Konzert vom 27. März 1965 offiziell veröffentlichen. Zwar gibt es die Musik schon lange auf diversen Bootleg-CDs, aber diesmal wird auch die Familie Montgomery daran beteiligt. Außerdem hat Zev Feldman, den man nicht umsonst den „Indiana Jones der Musikindustrie“ nennt, die originalen Bänder gefunden und von hier aus alles neu abgemischt, er hat auch Fotomaterial vom Konzert und wieder viel Liebe und Arbeit in die Aufbereitung des ganzen Projekts gesteckt.

Wes Montgomery - In Paris. Resonance Records

Wes Montgomery – In Paris. Resonance Records

Worum geht es?

Wenn das Live-Album „Smokin‘ at the Half Note“ (siehe auch einen Beitrag tiefer) der Heilige Gral der Jazzgitarrenwelt ist, dann ist das Paris-Konzert sein Zwilling. Im selben Jahr aufgenommen, nur mit anderen Musikern, zeigt das Konzert Wes auf seinem Höhepunkt. (Siehe auch hier.) Mit Johnny Griffin ist zudem ein Weltklasse-Saxophonist dabei, eine Kombi, die bei Wes nicht allzu oft auf Band dokumentiert ist. Kurz: Das Paris-Konzert ist für mich ein Hotspot in der leider viel zu kurzen Diskographie von Wes Montgomery. Dass die Aufnahmen jetzt bei Resonance erscheinen, ist für mich ein absoluter Hammer, auch wenn die Musik schon lange bekannt ist.

Und hier noch die originale Ankündigung von Zev Feldman:

ANKÜNDIGUNG! Ich freue mich schon darauf, euch alle Neuigkeiten von Resonance’s nächster Veröffentlichung – WES MONTGOMERY „IN PARIS: THE DEFINITIVE ORTF RECORDING – mitzuteilen. Dies ist das legendäre Pariser Konzert im Théâtre des Champs-Élysées vom 27. März 1965 mit Harold Mabern am Klavier, Arthur Harper am Bass und Jimmy Lovelace am Schlagzeug sowie dem legendären Tenorsaxophonisten Johnny Griffin als Special Guest. Das ist Wes mit seiner besten Rhythmusgruppe, die in Flammen steht! Es hat im Laufe der Jahre inoffizielle Bootlegs dieses Konzerts gegeben, aber unsere ist die erste offizielle Veröffentlichung dieser Aufnahme überhaupt, und markiert das erste Mal, dass die Familie Montgomery und die Musiker auf der Aufnahme entschädigt werden. Auch zum ersten Mal ist eine Plattenfirma wieder zu den Original-Tonbandaufnahmen zurückgekehrt (ja, wir haben sie gefunden), hat den Ton für einen besseren Sound neu gemixt (viel besser als die beschissenen MP3s, die viele von uns bisher geliebt haben)!

Wie immer haben wir uns voll und ganz darauf konzentriert, dieses Album mit einer limitierten Auflage von 2LP auf 180 g schwarzem Vinyl herauszubringen, das von Bernie Grundman gemastert und von Record Technology Incorporated bei 33 1/3 RPM gepresst wurde und exklusiv für das am 24. November stattfindende Black Friday Retail-Event am Record Store Day veröffentlicht wurde. Das Cover wurde von dem talentierten Burton Yount entworfen. Die 8-seitige Beilage enthält bisher unveröffentlichte Fotos des Konzerts und Backstage von Jean-Pierre Leloir (mit dem wunderschönen Titelbild), Essays von mir selbst, Vincent Pelote von der Rutgers University, INA’s Pascal Rozat und Interviews mit Harold Mabern und dem Gitarristen Russell Malone. Die LP Collector’s Edition wird außerdem mit 6 Sammler-Postkarten mit den klassischen Bildern von Jean-Pierre Leloir ausgeliefert. Die Deluxe 2CD Edition erscheint im Januar 2018.

Dieses Album erscheint in Partnerschaft mit INA in Frankreich, einem Teil der französischen Regierung. Mit großem Stolz ist es, dass Resonance seine diplomatische Mission bei INA fortsetzt, offiziell große Jazz-Aufnahmen amerikanischer Künstler herauszugeben, die in Frankreich gefangen genommen wurden. Vielen Dank an Christiane Lemire und Pascal Rozat von INA für ihre Hilfe bei der Realisierung dieser Projekte.

Ein herzliches Dankeschön geht an Michael Kurtz und Carrie Colliton vom Department of Record Stores, die dem Plattengeschäft neues Leben eingehaucht haben, indem sie uns die Möglichkeit gaben, diese limitierten Sonderaktionen über den Record Store Day und seine Black-Friday-Veranstaltungen durchzuführen. Es ist uns eine Ehre und wir danken beiden.

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Wer hat noch Half-Note-Tapes im Schrank?

Vor einigen Tagen stellte der New Yorker Gitarrist Ed Cherry bei Facebook eine Frage: Wer hat noch eine Aufnahme, auf der Wes Montgomery im Half Note Club das Coltrane-Stück Giant Steps spielt?

Das ist eine Frage mit Sprengkraft, denn wie einige sogleich kommentieren Wes-Koryphäen wissen: Es gibt keine bekannte Aufnahme, auf der Wes mit Giant Steps zu hören ist, weder aus dem Half Note noch aus irgend einem anderen Club.

Nun ist Ed Cherry nicht irgendwer, und wenn er behauptet, er hätte einst ein solches Tape besessen, und Wes hätte darauf ein exzellentes Chordsolo über Giant Steps gespielt, dann hat das viel Glaubwürdigkeit.

Kann es also sein, dass ein solches Tape existiert?

Die Antwort ist wohl: ja, warum nicht. Es zirkuliert längst nicht alles, was zum Beispiel bei Jazzdisco.org mittlerweile an 1965er Sessiondates im Half Note verzeichnet ist. Auf Platte erschienen sind ja nur das Album „Smokin‘ at the Half Note“, das mit Overdubs bearbeitete „Willow Weep for Me“ und das Bootleg-Album „Smokin‘ Guitar“. Darüber hinaus liefen über spezielle Plattformen noch Aufnahmen, die im Vorfeld der Europa-Tour in der Besetzung mit dem Pianisten Harold Mabern gemacht wurden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es darüber hinaus noch weitere Tapes aus dem Half Note gibt, ist sehr hoch. Nur, wer hat sie? Und wann wird Zev Feldman sie veröffentlichen ;-) Ed Cherry hat seine Bänder offensichtlich verloren. Wie schade.

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Smokin’ in Seattle – die Rezension

Jetzt ist es erhältlich, das Album des Wynton Kelly Trios mit Wes Montgomery mit unveröffentlichten Aufnahmen aus dem Jahr 1966. Die Erwartungen waren groß, denn die bislang bekannten Einspielungen dieser Formation gehören zum besten, was uns von Wes überliefert ist. Hält Smokin‘ in Seattle diesem Druck stand? Wes-Biograph Oliver Dunskus hat sich das neue Album angehört und berichtet hier exklusiv von seinem ersten Eindruck!

Smokin' in Seattle

Smokin‘ in Seattle

Die Titel (mit Wes)

3. Jingles 4:31

4. What’s New? 4:51

5. Blues in F 2:44

8. West Coast Blues 3:56

9. O Amor Em Paz (Once I Loved) 6:15

10. Oleo 2:08

 

Wynton Kelly Trio / Wes Montgomery: Smokin’ in Seattle

Das Resonance Label hat uns in den letzten Jahren eine Reihe von neuen, ungewöhnlichen Wes Montgomery Platten beschert, wobei man sich zuerst auf die Veröffentlichung sehr früher, unveröffentlichter Aufnahmen konzentrierte und mit den ersten fünf Platten die Lücke von 1950 bis 1957 schloss, in der Wes nach eigener Aussage am besten gespielt haben will. Mit Smokin’ in Seattle ist dem Label nun ein anderer, großer Wurf gelungen. Die Live Aufnahmen von Wes mit dem Wynton Kelly Trio zählen gemeinhin zum Besten was es von dem ikonischen Gitarristen gibt, und das beschränkte sich bislang auf Full House (erschienen 1962 bei Riverside) und auf Smokin’ at the Half Note (Verve, 1965) dessen Aufnahmen anfangs nicht vollständig veröffentlicht wurde, aber das ist eine andere Geschichte. Zu diesen beiden Alben gesellt sich nun ein Drittes.

Die Soundqualität

Was ist also so besonders an Smokin’ in Seattle? Die Aufnahmen sind angeblich vom April 1966, und wären somit die letzten auf Platte erschienenen Liveaufahmen die es von Wes bislang gibt. Sie entstanden in einem Club in Seattle und wurden vom Clubbesitzer mit vier Mikrophonen per Tonband mitgeschnitten, um sie im Radio zu übertragen. Danach verschwanden sie in seinem Archiv, bis Zev Feldman, Produzent von Resonance Records und eine Art Jäger der verlorenen Schätze, sie bei der Familie wiederentdeckte und für sein Plattenlabel hervorragend restaurierte. Daher sind sie in guter musikalischer und akustischer Qualität.

Das Zusammenspiel

Mit Ron McClure am Bass wird hier ein neuer Mitmusiker vorgestellt, der für Paul Chambers eingesprungen war, der gesundheitsbedingt ausgefallen war. (Was für ein beeindruckender Karrierebeginn! Kopfüber plötzlich zwischen Wes und zwei Musikern von Miles Davis’ Kind of Blue zu starten.) Und sie entstanden auf der Höhe von Wes’ Ruhm, als sein Studioalbum Going Out of my Head sich ausgesprochen erfolgreich verkaufte Musikalisch kann Live in Seattle mit den beiden anderen berühmten Vorgängerplatten mithalten. Wes ist auf seinen Studioalben im Allgemeinen verhaltener als Live, und gerade mit dem Wynton Kelly Trio spielte er häufig. Man hört deutlich, wie synchron das Trio spielt, wie entspannt Wes sich fühlte, wie Kelly und McClure Akzente gekonnt passen zur Gitarre setzen und wie hier Virtuosität auf unverkrampfte Weise stattfindet. „The ideal of what is possible to achieve in music“ schreibt Pat Metheny über diese Auftritte.

Die einzelnen Titel

Nun zu den Titel, zumindest zu denen mit Wes, denn es befinden sich noch sechs reine Klavier-Trio Titel – ohne Wes – auf der Platte, denn das Wynton Kelly Trio eröffnete im allgemeinen die Konzerte, und Wes kam dann nach einigen Titeln hinzu. Jingles zählt zwar zu den meistaufgenommenen Titeln von Wes doch sie unterscheiden sich, selbst bei gleichen Tempi deutlich voneinander. Immer kommen Wes neue Ideen für seine Soli, als ob er sich selber stets dazu herausfordern würde, sich nicht zu wiederholen. West Coast Blues, Wes musikalische Visitenkarte, gibt es hier zum ersten Mal live zu hören. O Amor Em Paz (Once I Loved) ist überraschenderweise falsch als O Morro Nao Tem Vez tituliert. Dieses Stück fand sich bereits auf dem Going Out of My Head Studioalbum, hat aber in dieser Interpretation solistisch mehr Ähnlichkeit mit der Version, die Pat Martino ein Jahr später auf seinem ersten Soloalbum El Hombre in einem Cha-cha-cha-Rhythmus einspielte. Die Ballade What’s New kennen wir ja schon von den Half Note Aufnahmen, und Wes verwendet auch hier wieder den Tremolo-Effekt seines Verstärkers, was ihn zwar etwas anders klingen läßt, jedoch durch den guten Geschmack seiner Soli niemals verspielt wirkt. Und zum ersten Mal hören wir von Wes den Sonny Rollins Titel Oleo, der jedoch leider nach zwei Minuten ausgeblendet wurde, denn die Radiosendung, für die diese Aufnahme entstand, war auf genau eine halbe Stunde beschränkt.

Kommt noch mehr?

Bei Resonance Records gibt man sich immer viel Mühe, mit Vinyl Erstveröffentlichungen, mit der Hülle und den Klappentexten, so auch hier: Es gibt wieder Artwork von Burton Yount, sowie passende Interviews mit den Mitmusikern, denn Wes’ Lieblingsdrummer Jimmy Cobb und Bassist Ron McClure sind beide noch aktiv. Dazu noch Kommentare von Pat Metheny dem man hoch anrechnen sollte, dass er auch immer eine Lanze für den kommerziellen Wes gebrochen hat. Das war hier nicht nötig. Und hoffentlich liegt dort, wo diese Aufnahmen sich befanden, noch mehr, damit wir jedes Jahr ein weiteres Wes-Schätzchen von Resonance Records kriegen.

Text: Oliver Dunskus

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NEUE AUFNAHMEN! Wes und das Wynton Kelly Trio 1966

Smokin' in Seattle

Smokin‘ in Seattle

Produzent Zev Feldman hat in den letzten Jahren unser Wissen über Wes Montgomery und seine Musik in unvergleichlicher Weise erweitert. Der Kopf hinter Resonance Records hat es mehrfach geschafft, komplett unbekannte Aufnahmen aufzustöbern und zu restaurieren. Und jetzt hat er es wieder getan: April/Mai gibt es neue Aufnahmen von Wes Montgomery und dem Wynton Kelly Trio, aufgenommen 1966 in Seattle. Ein echter Hammer für Wesheads, denn die Montgomery/Kelly-Aufnahmen von 1965 aus New York (Smokin‘ at the Half Note) gelten vielen Fans als die besten, die Wes jemals gemacht hat. Wenn es jetzt noch einen bislang unbekannten Nachschlag gibt, dann wäre das eine Krönung von Feldmans Wes-Archäologie.

Wes Montgomery / Wynton Kelly Trio
Smokin‘ in Seattle: Live at the Penthouse (1966)

Das Album Smokin‘ In Seattle-Live At The Penthouse (1966) enthält ein bislang unveröffentlichtes Konzert von Wes Montgomery und der Pianolegende Wynton Kelly (u.a. Miles Davis Quintett) mit Bassist Ron McClure und Drummer Jimmy Cobb. Aufgenommen wurde das Konzert im Jazzclub The Penthouse in Seattle am 14. und am 21. April 1966.

Das neue Album von Resonance Records gibt es auch als Vinyl LP. Es enthält Liner Notes von Pat Metheny, Seattle Times Journalist Paul de Barros, Produzent Zev Feldman, vom ursprünglichen Aufnahmetechniker Jim Wilke sowie Interviews mit Jimmy Cobb und Pianist Kenny Barron.

Eine Deluxe Limited Edition LP erscheint bereits zum Record Store Day am 22. April 2017.  Die Version für alle, die Deluxe CD & Digital Edition ist ab dem 19. Mai 2017 erhältlich.

Alle Infos bei Resonance Records

 

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RIP Claus Ogerman(n)

Der Arrangeur und Komponist Claus Ogerman ist bereits im März 2016 im Alter von 85 Jahren gestorben. Das wurde aber erst jetzt offiziell bestätigt. Details über sein reiches Wirken kann man bei Spiegel Online nachlesen. Was dort nicht erwähnt wird: Ogerman hat auch mit Wes Montgomery zusammengearbeitet, und zwar an dem großartigen Album „Tequila“. Ich habe schon vor einigen Jahren eine Lobeshymne auf diese Aufnahmen geschrieben und dabei Ogerman ausgiebig gewürdigt: „Wes Montgomerys Flirt mit der Popmusik ist heftig diskutiert worden, und die meisten Musiker bevorzugen die frühen, reinen Jazz-Alben des Gitarristen. Und in der Tat sind unter der Ägide von Produzent Creed Taylor einige heftige musikalische Sünden an Wes begangen worden. Doch Tequila gehört definitiv nicht dazu. Und wenn ich mich nicht allzu sehr täusche, dann liegt das an der Arbeit des deutsch-amerikanischen Arrangeurs Claus Ogerman (eigentlich Ogermann), der bei sechs Titeln für die Streicher-Arrangements verantwortlich zeichnet.“ Hier weiterlesen.

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