Adrian Ingram legt Wes-Biografie neu auf

Wer etwas mehr über das Leben und Wirken von Wes Montgomery erfahren möchte, als es die üblichen Online-Biografien (vor allem die bewusst armselig gehaltene bei der deutschen Wikipedia) zu bieten haben, muss zu Adrian Ingrams englischsprachiger Biografie greifen. Sie stammt aus dem Jahr 1984 und versammelt die zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Informationen. Da Adrian Ingram selbst ein bekannter, hochklassiger Gitarrist ist, enthält seine damalige Arbeit nicht nur eine Diskografie, sondern auch viele Erläuterungen zur Spielweise von Wes Montgomery. Nun, ein Vierteljahrhundert später, hat Adrian Ingram zum ersten Mal sein Wes-Buch überarbeitet und in einer neuen Auflage vorgelegt. Doch welche Enttäuschung!
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Wes Montgomery Biografie

Wes Montgomery Biografie

Anders als Alexander Schmitz, der die überarbeitete „Wes-Bibel“ schon vor ein paar Monaten sehr wohlwollend rezensiert hat, finde ich diese zweite Auflage nicht nur enttäuschend, sondern zutiefst ärgerlich. Und das aus zwei Gründen:
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1. Die Form
Als Ingrams Buch zum ersten Mal erschien, mussten Bücher noch auf Schreibmaschinen getippt werden, die Zettel wurden dann von mehr oder weniger talentierten Menschen auf eine Druckmaschine übertragen und zu einem Buch gemacht. Schon für das Jahr 1984 war die Wes-Biografie ein dilettantisch gesetztes, schlecht lesbares und schlecht gedrucktes Werk in einem unmöglichen Format. Heute leben wir in einer Zeit, in dem wir den Begriff Desktop Publishing schon fast wieder vergessen haben, weil der Prozess vom Schreiben zum Druck quasi auf Knopfdruck funktioniert. Wir haben selbst bei kostenlosen Open-Source-Programmen die Möglichkeit, mit ein paar Mausklicks moderne und lesbare Layouts zu erstellen. Vor diesem Hintergrund hinzugehen und das 25 Jahre alte Layout des Buches noch einmal zu verwenden, ist für mich absolut unverständlich und nicht akzeptabel. Alexander Schmitz schreibt dazu, bei Büchern des Verlags Ashley Mark handele es sich um „solide Arbeiten eher konservativer Mach- und Gestaltungsart“. Nein, das sehe ich ganz anders. Wäre es den Machern wirklich mehr auf die Inhalte denn auf die Form angekommen, wie Schmitz mutmaßt, dann hätten sie sich zumindest für eine Minute Gedanken über den Zusammenhang dieser beiden Dinge machen können. Doch selbst dies war offensichtlich zu viel verlangt. Und so ist das Buch erst recht in seiner Neuauflage ein altbacken und dilettantisch gesetztes Buch, das schlecht lesbar ist.
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2. Der Inhalt
Es gibt Dinge, die muss man nicht neu erfinden. Die sind gut, die stehen gerade und erfüllen ihren Zweck. So ungefähr muss es sich Adrian Ingram gedacht haben, denn an seinem Text über das Leben Wes Montgomerys, also an den rund 50 Kernseiten des Buches, hat er nicht ein Komma geändert. Das kann man so akzeptieren, aber man kann auch fragen: Lieber Adrian, ist in den vergangenen 25 Jahren nicht eine einzige neue Information über Wes Montgomery ans Licht gekommen, die es Wert gewesen wäre, dass man sie weitererzählt? Hätte es nicht den einen oder anderen Aspekt gegeben, bei dem man als Autor noch einmal hätte recherchieren können, müssen, sollen? Hat man als Autor nicht das Bedürfnis, einen 25 Jahre alten Text noch einmal zu verbessern oder stilistisch seinem gegenwärtigen Können anzupassen? Als Journalist kann ich eine solche Scheiß-egal-Haltung beim besten Willen nicht akzeptieren. Und da versöhnt es mich auch nicht, dass er sich bei der Diskografie diesmal wirklich Mühe gegeben hat. Dadurch ist sie zwar nicht lesbarer und übersichtlicher geworden, aber wesentlich vollständiger. Aber herrje, die gleichen Infos finde ich auch (besser organisiert) bei Jazzdisco.org.
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Mein Fazit: Wer etwas tiefer in die Biografie von Wes Montgomery einsteigen möchte, benötigt dieses Buch nach wie vor, denn es gibt keine Alternative. Aber wer die alte Ausgabe bereits besitzt, kann sich das Update sparen!

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Adrian Ingram: Wes Montgomery, Ashley Mark Publishing, $36,99/£18,50

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